Rituale und Symbole haben eine ganz besondere Macht. Unser Hirn liebt wiederkehrende Dinge. Wie zum Beispiel die Traditionen rund um Weihnachten oder Geburtstagsfeiern. Immer zur selben Zeit im Jahr dasselbe zu tun, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Gleichzeitig benutzen wir Rituale aber auch, um bedeutende Übergänge im Leben zu markieren. Da denke ich zum Beispiel an die feierliche Übergabe des Abschlusszeugnisses oder den Junggesellenabschied vor einer Hochzeit. Diese Übergangsrituale helfen uns, ein Kapitel bewusst zu schließen und eine neue Seite aufzuschlagen.
Als Coaches und Therapeuten wissen wir um die Kraft solcher Rituale. Und als Hypnose-Praktiker ist uns die Arbeit mit Symbolen sowieso ein besonderes Fest. Aus unserer täglichen Arbeit sind uns Übergänge im Leben von Klienten nicht fremd. Der Abschied von einem alten Job, das Ende einer Beziehung oder das Loslassen von hinderlichen Glaubenssätzen. Oft mühen wir uns, die richtigen Bilder zu erzeugen, wenn Klienten sie nicht selbst entwickeln können. Doch oft müssten wir uns gar nicht so sehr anstrengen. Wir könnten auch das nutzen, was direkt vor unserer Nase liegt. Was der Jahreskreislauf so bietet. Und welche alten, fast vergessenen Bräuche sich in unserer Geschichte verbergen.
Ein solcher Brauchtums-Schatz ist Mariä Lichtmess. Dieses Datum, der 2. Februar, markierte im Bayern des frühen 20. Jahrhunderts nicht nur das Ende der Weihnachtszeit. Es war auch ein Tag von ungeheurer emotionaler und oft existenzieller Bedeutung. Es war ein Tag des radikalen Umbruchs. Und genau deshalb bietet er uns heute eine so kraftvolle Vorlage für unsere Arbeit.
Ein Tag des Wandels: Mariä Lichtmess im alten Bayern
Wenn man an Lichtmess denkt, entsteht oft im ersten Moment das romantische Bild von stillen, verschneiten bayerischen Dörfern im Kopf. Und angezündeten Kerzen. Die Realität war aber alles andere als romantisch. Ein großer Teil der Gesellschaft lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bayern von der Landwirtschaft. Und in dieser Lebenswelt war Mariä Lichtmess nicht nur (bis 1912) ein Feiertag, sondern der härteste und aufregendste Tag des Jahres. Der Tag des Dienstbotenwechsels.
Die Bedeutung dieses Tags möchte ich Dir am fiktiven Beispiel von Anna vorstellen. Anna ist eine junge Magd. Seit einem Jahr arbeitet sie auf einem großen Hof. Für Kost, Logis und einen kargen Lohn, den sie erst heute, am 2. Februar, in die Hände bekommt. Ein ganzes Jahr voller Schufterei. Noch vor dem Morgengrauen raus aus dem Bett, Arbeiten bis lange nach Sonnenuntergang. Heute am Zahltag hält sie die Münzen in der Hand und muss eine Entscheidung treffen, die ihr ganzes nächstes Jahr bestimmen wird. Bleibt sie bei der strengen Bäuerin, wo sie zwar ein Dach über dem Kopf hat, aber kaum ein gutes Wort hört? Oder wagt sie den Sprung ins Ungewisse? Auf dem Lichtmessmarkt im nächsten größeren Dorf werden die Bauern die neuen Dienstboten für das kommende Jahr anwerben. Vielleicht findet sie eine bessere Stelle, bei einer freundlicheren Familie, mit ein paar Münzen mehr Lohn. Aber vielleicht auch nicht. Und selbst wenn sie bleiben möchte: wollen das die Bauersleute auch? Mariä Lichtmess ist ein Tag der Bilanz. Ein Tag der Unsicherheit, aber auch der großen Hoffnung.
Dieser Tag war sogar so bedeutend, dass er einige verschiedene Namen bekam: "Schlenkweil" nannte man die Zeit, weil man es nach der langen, stillen Winterzeit endlich wieder „schlenkern“ lassen konnte. Ausgelassen wurde der Abschluss eines Arbeits-Zyklus gefeiert. In den Wirtshäusern wurde getanzt und getrunken. Gleichzeitig wurde Lichtmess auch als "Wandertag" oder "Bündeltag" bezeichnet. Die Straßen waren voller Menschen wie Anna, die mit ihren wenigen Habseligkeiten in einem Bündel auf dem Rücken unterwegs waren – auf dem Weg in ein neues Leben. Umbruch wurde hier deutlich sichtbar. Ein ganzes soziales Gefüge wurde an nur einem einzigen Tag neu gemischt.
Und all das geschah genau zu der Zeit, als die Natur selbst im Umbruch war. Lichtmess markiert die Mitte zwischen dem dunkelsten Tag des Jahres, der Wintersonnenwende, und dem Frühlingsanfang. Das Licht kehrt spürbar zurück, die Tage werden endlich länger. Die Kirche feierte dies mit der Kerzenweihe, bei der die Kerzen für das ganze Jahr gesegnet wurden – ein Symbol für die Hoffnung und das neue Licht. Diese Kerzen benutzte man gerne als Schutz wenn Gewitter tobten oder stellte sie Kranken und Sterbenden zur Seite. Für die Menschen war das helle Licht der Kerze das untrügliche Zeichen dafür, dass die harte, dunkle Zeit dem Ende zugeht. Und dass ein neuer Lebens- und Arbeitsabschnitt beginnt.
Ein Lichtmess-Ritual für Deine Klienten
Genau diese kraftvolle Mischung aus Notwendigkeit zur Entscheidung, Abschiedsschmerz und Hoffnung auf ein besseres Morgen können wir für unsere Klienten nutzbar machen. Und zwar für solch "einfache" Themen wie die Raucherentwöhnung genauso wie für komplexe Lebensentscheidungen. In meiner Klinik-Tätigkeit habe ich es heute (aus Brandschutzgründen modifiziert) auch angewandt, um amputierte Menschen bei ihrem Neuanfang nach Verlust eines Beines zu unterstützen. Das folgende Ritual ist kein esoterischer Hokuspokus, sondern eine symbolische Handlung, die den inneren Prozess des Loslassens und Neuausrichtens greifbar macht.
Was der Klient braucht (Das "Bündel" für die Reise):
•Eine Kerze: Symbol für das zurückkehrende Licht und die eigene innere Flamme.
•Zwei Zettel und einen Stift: Für die "Dienstverträge" – den alten und den neuen.
•Ein feuerfestes Gefäß: Zum sicheren Verbrennen des alten Vertrags.
•Eine kleine Schachtel oder ein schönes Tuch: Das neue "Bündel", in dem die Zukunft aufbewahrt wird.
Das Ritual – Eine Anleitung für den persönlichen "Wandertag":
1.Die Bilanz (Der alte Dienstvertrag): Der Klient zündet die Kerze an. Im Schein der Flamme soll er sich mit dem vergangenen Jahr oder der zu beendenden Lebensphase verbinden. Bitte ihn, wie unsere Magd Anna eine ehrliche Bilanz zu ziehen. Was war der "Lohn" für seine Mühen? Was hat ihn Kraft gekostet? Welche "strengen Bäuerinnen" – also welche inneren Antreiber, Ängste, hinderlichen Glaubenssätze oder auch realen Personen – haben sein Leben bestimmt? Auf den ersten Zettel schreibt er nun alles, was er kündigen und hinter sich lassen möchte. Dies ist sein alter Dienstvertrag. Er kann ihn überschreiben mit: "Hiermit kündige ich...".
2.Der Aufbruch (Das Verbrennen des Vertrags): Nun kommt der entscheidende Moment des Aufbruchs. Der Klient nimmt diesen Zettel, liest ihn vielleicht ein letztes Mal laut vor und verbrennt ihn dann bewusst und sicher in dem feuerfesten Gefäß. Während das Papier zu Asche zerfällt, kann er den Rauch beobachten und sich vorstellen, wie sich all diese alten Verpflichtungen und Lasten auflösen. Ein kraftvoller Satz hierzu könnte sein: "Mein Dienst ist beendet. Ich bin frei und nehme meinen Lohn – die Erfahrung – mit auf meinen Weg." Alternativ zum Verbrennen geht auch in kleine Stücke reißen. Oder in Wasser einweichen.
3.Die Neuverhandlung (Der neue Dienstvertrag): Jetzt richtet sich der Fokus auf die Zukunft. Der Klient nimmt den zweiten, leeren Zettel. Dies wird sein neuer Dienstvertrag mit sich selbst. Was sind seine Bedingungen für das neue Jahr? Was möchte er "einstellen"? Wovon braucht er mehr im Leben? Mehr Selbstfürsorge? Den Mut, Grenzen zu setzen? Die Erlaubnis, kreativ zu sein? Bitte ihn, möglichst konkret zu werden. Statt "glücklicher sein" könnte dort stehen: "Ich erlaube mir, einmal pro Woche etwas nur für mich zu tun." oder "Ich spreche meine Bedürfnisse meinem Partner gegenüber klar und deutlich aus." Dieser Zettel wird überschrieben mit: "Mein Vertrag mit mir selbst für das kommende Jahr."
4.Das Bündel schnüren (Die Verankerung): Dieser neue Vertrag wird nicht verbrannt. Er ist das wertvollste Gut für die kommende Reise. Der Klient faltet ihn sorgfältig und packt ihn in sein persönliches "Bündel" – die kleine Schachtel oder das Tuch. Dieser Ort sollte für ihn eine besondere Bedeutung haben. Die Kerze kann er immer dann wieder anzünden, wenn er sich an seinen neuen Vertrag erinnern und seine Absichten bekräftigen möchte. Sie ist sein persönliches Lichtmess-Licht, das ihm den Weg leuchtet. Auch durch die dunkle Lebens-Zeit.
Zur Einstimmung auf das Ritual oder als rein hypnotische Alternative, ist es möglich, Annas Geschichte als eine Art Suggestionsgeschichte aufzubauen. Du erzählst also erst ein wenig über die Bedeutung von Lichtmess. Danach schmückst Du Annas Geschichte bildreich aus. Und endest dabei natürlich mit dem Positiven. Der Hoffnung. Und dem Wissen, dass das Unterbewusstsein die Neuorientierung unterstützt.
Gib Deinen Klienten ein kraftvolles Bild mit auf den Weg
Wir müssen für unsere Klienten keine komplizierten, neuen Methoden erfinden. Manchmal ist das Wirksamste, ihnen ein starkes, altes Bild zu schenken, mit dem ihr Unterbewusstsein sofort etwas anfangen kann. Das Bild der Magd Anna, die am Lichtmesstag ihr Bündel schnürt und in eine ungewisse, aber selbstbestimmte Zukunft aufbricht, ist ein solches Bild. Es ist bodenständig, emotional und voller Hoffnung.
Indem wir ein Ritual wie den "persönlichen Wandertag" anbieten, geben wir dem abstrakten Prozess der Veränderung eine Form. Einen klaren Anfang und ein Ende. Wir ermöglichen unseren Klienten, über den Abschied von Altem nicht nur mit dem Kopf nachzudenken, sondern ihn aktiv zu vollziehen. Ja sogar symbolisch zu "unterschreiben" und wie einen Schatz in den neuen Lebensabschnitt mitzunehmen.
Das ist die Weisheit, die in Mariä Lichtmess steckt: Nach jeder Phase der Dunkelheit kehrt das Licht zurück. Und wir haben immer wieder die Wahl, unseren eigenen Vertrag mit dem Leben neu zu verhandeln.
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