09.Dezember, 11 Grad, Sonnenschein. Die Menschen um mich herum hetzen, drängeln. Die Geschäfte sind voll, kaum Parkplätze zu finden. Der Rubel rollt. Der Glühwein läuft. Ich rufe eine gute
Freundin und psychologische Kollegin an, um ein Treffen zu vereinbaren. "Das schaffe ich nicht", sagt sie mir klipp und klar. Die Praxis sei voll von überforderten, gestressten und depressiven
Patienten. Weihnachtsgeschenke habe sie auch noch nicht besorgt. Die Adventsfeier vom Tennisclub stehe an. Und dazu noch der Elternabend in der Schule ihres Sohnes. Sie habe selbst kaum Luft zu
atmen. Oh Du besinnliche Weihnachtszeit. Gerade die Zeit, die besinnlich sein soll, in der wir die Möglichkeit hätten, das Jahr in Ruhe Revue passieren zu lassen, trägt viele unendlich weit weg
von sich selbst. Aber wenn die Nähe zu uns selbst verschwindet - wie sollen wir dann gut für andere da sein?
Es gibt viele Gründe, warum die Verbindung zu sich selbst abbricht. Warum man keinen Zugang zum authentischen Man-selbst-sein mehr hat. Einer davon ist, es ständig allen recht machen zu
wollen. Du hast das Bedürfnis, gemocht zu werden, alles gut/richtig/perfekt zu machen, hilfreich für andere zu sein, alle Erwartungen zu erfüllen. Du sagst "Ja" zu Dingen, die Du
eigentlich gar nicht tun möchtest oder stellst Dein eigenes Bedürfnis hintan. Die innere Stimme, die schon laut schreit "Mach mal Pause" wird übertönt vom inneren Kritiker, der "Das war noch
nicht genug. Du bist nicht gut genug" schwadroniert.
Ein weiterer Grund, warum es so schwer fällt, sich selbst nah zu bleiben, ist, dass wir so abgelenkt sind von dem lauten Außen. In einer digitalen Welt sind wir ständig
erreichbar. Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen immer mehr. Multi-Tasking ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wie soll es uns da gelingen, achtsam zu sein oder Innenschau zu
halten? Still zu werden, um zu reflektieren? Gerade in der Vorweihnachtszeit ist die Agenda so voll, dass viele mehr funktionieren als leben. Für mehr bleibt da gar keine Zeit.
Und gerade Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, erleben viel Nähe zu anderen Menschen. Investieren viel Energie darauf, Bindung herzustellen, empathisch zu sein und zu
unterstützen. Probleme anderer fluten das eigene System, gerade wenn Grenzen nicht optimal funktionieren. Bist Du bereits randvoll mit Geschichten anderer Menschen, fällt es schwer, die eigene
Geschichte zu schreiben.
Wenn die Verbindung zu sich selbst abbricht, hat das auf mehreren Ebenen Konsequenzen. Auf der emotionalen Ebene führt das zu einem Gefühl der Unzufriedenheit. Du
entfremdest Dich von den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen. Weißt nicht mehr, wer Du bist und warum Du tust, was Du tust. Ohne innere Orientierung ist der Nährboden geschaffen für
Ängste, Unsicherheiten, Überforderung und sogar depressive Verstimmung.
Auf der körperlichen Ebene führt mangelnde Nähe zu sich selbst zu Müdigkeit, leichter Erschöpfbarkeit, Verspannungen, Infektanfälligkeit und psychosomatischen Symptomen.
Dazu kommen noch die Konsequenzen auf der Beziehungsebene. Oft gelingt es gar nicht, wirklich enge Beziehungen zu anderen aufrechtzuerhalten. Alles wirkt oberflächlich. Häufig
reagierst Du mehr als Du agierst. Es kommt zu Konflikten und Missverständnissen. Dadurch, dass Du eigene Grenzen schlecht vertreten kannst, übertreten andere diese wie der berühmte Elefant im
Porzellanladen. Du bekommst immer mehr das Gefühl, eine Rolle zu spielen, eine Maske zu tragen, und gar nicht mehr echt zu sein.
Auch für die berufliche Ebene hat es Konsequenzen, wenn Du die Nähe zu Dir selbst verlierst. Du bist weniger kreativ. Du arbeitest schlechter. Du wirst wenn Du mit anderen
Menschen arbeitest, ihren Bedürfnissen nicht mehr gerecht. Und oft fühlt sich die Arbeit plötzlich sinnlos an.
Und jetzt ist natürlich die Frage - wie kann das gehen, sich selbst wieder ganz nah zu sein? Vor allem jetzt, in dieser lauten und hektischen Zeit? Hier sind meine drei Ideen für den Advent:
1. Der innere sichere Ort - Dein Rückzugsraum
Das ist ein Raum in Deiner Vorstellung, an dem Du Dich
geborgen, ruhig und ganz bei Dir selbst fühlst. Eine bewährte Imaginationstechnik, die Dein Nervensystem beruhigt. Setz Dich bequem hin. Schließ Deine Augen. Stell Dir einen Ort vor – real oder imaginär
– an dem Du Dich richtig wohl fühlst. Das kann ein Platz aus Deiner Kindheit sein, ein Lieblingsort oder ein Ort, wo Du immer schon einmal hinwolltest. Er darf auch rein in der Fantasie
existieren. Nimm diesen Ort mit all Deinen Sinnen wahr – nach den VAKOG-Regeln:
•V (Visuell): Was siehst du? Farben, Formen,
Licht?
•A (Auditiv): Was hörst du? Stille, Vogelgesang,
Wasser?
•K (Kinästhetisch): Was spürst du? Wärme, Sanftheit,
Stabilität?
•O (Olfaktorisch): Was riechst du? Wald, Meer,
Blumen?
•G (Geschmack): Gibt es einen
Geschmack?
Verweile dort für ein
paar Minuten. Lass Ruhe einkehren. Nutze gerade im Advent, wenn die Hetze besonders groß ist, diesen persönlichen Rückzugsraum. Vielleicht ist er da ja auch weihnachtlich
dekoriert?
2. Das Adventsritual – Verbindung statt Hektik
Damit meine ich ein total einfaches, leicht umsetzbares, tägliches Ritual, das Dich erdet. Rituale geben unserem Nervensystem Sicherheit und Struktur. Sie schaffen Momente der
Bewusstheit.
Zünde die Kerzen am Adventskranz an. Setz Dich bequem hin. Spür Deine Füße auf dem Boden. Wie fühlt sich das an? Atme bewusst ein und aus. Nicht tief, nicht kontrolliert – einfach
natürlich fließen lassen. Mit jeder Ausatmung lässt Du los, was Du nicht brauchst. Anspannung. Stress. Unsicherheit. Ärger. Was da eben ist.
Schau auf das Licht der Kerze und sag laut "Ich bin ganz bei mir selbst."
3. Die "To-Wish-Liste" – Wünsche für Dich selbst
Das ist eine Liste mit Wünschen, die Du Dir selbst erfüllen möchtest. Und Du wartest nicht darauf, dass das Christkind Dir dabei hilft :-) Du nimmst die Sache selbst in die
Hand. Die "To-Wish-Liste" ist ein psychologisches Werkzeug, um wieder in Kontakt mit Deinen eigenen Bedürfnissen zu kommen. Mit Zielen, Wünschen und Träumen.
Indem Du die Dinge aufschreibst, sagst Du Deinem Gehirn ebenso wie Deinem Unterbewusstsein: "Das ist mir wichtig, bitte darauf achten." Und aufgeschriebene Dinge haben eine viel höhere
Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden. Nimm Dir also ein schönes Blatt Papier. Oder ein kleines Heftchen. Schreib ganz oben: "Das wünsche ich mir selbst im Advent und darüber hinaus."
Das können konkrete Dinge sein, die Du tun möchtest. Menschen, die Du treffen möchtest. Gefühle, die Du erleben möchtest. Kleine und große Sachen. Und Du musst noch nicht genau wissen, wie
das umsetzbar ist. Wichtig dabei ist: das ist keine To-do-Liste, wo Du Pflichten abarbeitest. Sondern nur das, was Du wirklich möchtest. Häng diese Liste dann irgendwo auf, wo Du sie siehst.
Nicht um Dich zu kontrollieren, sondern um Dich zu erinnern: "Das bin ich mir selbst wert. Das möchte ich mir selbst geben."
Nähe oder Distanz. Das ist ein ganz alter Konflikt. Wir als soziale Wesen brauchen die Gruppe, um zu überleben. Das wissen wir schon aus der Steinzeit. Gleichzeitig benötigen wir die Möglichkeit
zur Individuation. Wir wollen wir selbst sein. Eigene Bedürfnisse haben, zeigen und damit ernst genommen werden. Und genau deshalb braucht es Grenzen. Grenzen, die regeln, wie nah nah genug
ist. Wo Nähe im privaten Kontext gut tut und wo sie erdrückt. Wo Nähe im beruflichen Kontext hilfreich ist, und wo sie unprofessionell wird.
Es ist Adventszeit. Deine Mutter ruft an. Sie hätte
gerne, dass zum dritten Adventssonntag die ganze Familie zusammenkommt. All Deine Geschwister mit ihren Familien. Tante, Onkel. Oma, Opa. Cousinen und Cousins. Mit Kuchen. Und Abendessen. Du
merkst sofort: Dein Bauch zieht sich zusammen. Du bist erschöpft. Du brauchst das Wochenende für Dich. Das einzige, an dem nichts los ist. Aber Du sagst zu. Weil Du es immer getan hast. Weil
Du Dich schuldig fühlen würdest, wenn Du "Nein" sagst. Weil Deine Mutter enttäuscht wäre. Und so sitzt Du am dritten Adventssonntag bei Deiner Mutter und wünschst Dich in Gedanken an einen
einsamen Ort. Und wenn es der Nordpol wäre. Währenddessen fährt Dein Energielevel in Lichtgeschwindigkeit in den roten Bereich.
Grenzen zu setzen wirkt für andere oft egoistisch. Dabei
ist es notwendig. So könnte es konkret
aussehen:
In der Familie:
"Mama, ich komme gerne zu Besuch. Aber nicht zu jedem
Termin. Ich brauche auch Zeit für mich. Lass mich Dir Bescheid sagen, wann es passt."
Bei Freunden:
Dein bester Freund ruft an. Er hat wieder Liebeskummer.
Du hörst zu. Das ist gut. Aber wenn Du merkst, dass Du selbst am Ende Deiner Kräfte bist, darfst Du sagen: "Ich bin gerade selbst nicht so stabil. Ich kann Dir heute nicht so gut zuhören.
Können wir das verschieben?"
Mit den eigenen
Kindern: Dein Kind möchte, dass
Du mit ihm spielst. Du bist gerade noch im Homeoffice. Du darfst sagen: "In 20 Minuten bin ich fertig. Dann spielen wir zusammen."
Mit dem
Partner: Es ist Freitagabend.
Dein Partner möchte ausgehen. Du möchtest zuhause bleiben und nichts tun. Du darfst sagen: "Ich brauche heute Ruhe."
Wichtig ist zu verstehen, dass Grenzen nicht gegen
andere gerichtet sind. Sondern dass es ein reiner Akt der Selbstfürsorge ist, sie zu ziehen. Sie sind die Linie, die sagt: "Bis hierhin ja, aber nicht weiter." Sie sind das, was Dich davor
bewahrt, Dich selbst zu verlieren.
Menschen, die Dich wirklich lieben, werden Deine Grenzen
respektieren. Sie werden anfangs überrascht oder irritiert sein – weil Du vielleicht lange Zeit scheinbar keine hattest oder sie zumindest nicht geäußert hast. Aber sie werden mit der Zeit
verstehen, warum das wichtig ist. Und die Beziehung wird sogar besser werden. Weil sie authentischer wird. Weil Du präsent bist, wenn Du da bist. Weil Du nicht mehr aus Pflicht gibst, sondern
aus Freude.
Wenn Du mit Menschen arbeitest – ob als Coach,
Therapeut, Coach oder in einem anderen sozialen Beruf – dann ist das was Deine Klienten von Dir brauchen Klarheit. Um in Beziehung zu gehen, ist es wichtig, sich nahbar zu
machen. Menschlich zu sein. Einschätzbar zu werden. Deshalb spreche ich mit meinen Klienten zum Beispiel durchaus über Persönliches. Allerdings
heißt das nicht, Privates zu besprechen. Es geht nicht um Deine eigenen Themen oder Probleme. Es geht nicht um wirklich sehr persönliche Details aus Deinem Leben. Aber es ist für ein
tragfähiges Vertrauensverhältnis nützlich, als erfahrener Klient wahrgenommen zu werden, anstatt als perfektes Idol auf einen Sockel gestellt zu werden. Klarheit heißt übrigens auch, sich an
Vereinbarungen einzuhalten. So beginnen und enden zum Beispiel Sitzungen pünktlich und verlässlich.
Um professionell arbeiten zu können ist es auch wichtig
zu verstehen, dass Empathie und Mitleid nicht dasselbe sind. Empathie bedeutet: Ich verstehe, was Du durchmachst. Ich kann mich in Deine Situation
hineinversetzen. Ich halte Raum für Deine Gefühle. Aber ich bleibe stabil. Ich bleibe bei mir selbst. Ich verliere mich nicht in Deinem Schmerz. Mitleid bedeutet: Ich leide mit Dir. Ich
nehme Deinen Schmerz auf. Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht genug tun kann. Ich verliere mich in Deinem Problem. Und irgendwann bin ich so erschöpft, dass ich nicht mehr für Dich da
sein kann. Wenn ich mitleide, gehe ich mit dem Klienten zusammen in die Ohnmacht. Das ist weder für ihn noch für mich gesund.
Eine weitere Falle ist, aus Unreflektiertheit ins Karpman-Dreieck einzusteigen. Es gibt darin die Rollen Opfer, Retter und Verfolger/Täter. Wenn Du mit Menschen arbeitest, ist die Versuchung
groß, in die Retter-Rolle zu verfallen. Dein Klient bleibt dann das Opfer. Und Du musst sehr viel Energie aufwenden um ihn zu ändern. Manchmal wirst Du dann auch zum Täter, wenn der Klient
sich nicht schnell genug bewegt, obwohl Du alles gibst. Dann fallen zum Beispiel so Sätze wie "Mensch, das gibt es doch nicht. Sie müssen doch auch mal was machen. Immer dieses "Wasch mich
aber mach mich nicht nass." Wenn Sie von sich aus nichts geben, wird das nie was. Hat ihr Vater doch Recht gehabt, als er gesagt hat, dass Sie es einfach nicht drauf haben." Die Lösung dafür?
Regelmäßige Supervision, um sich nicht in solche Dynamiken hineinziehen zu lassen. Und klare Grenzen. Kommuniziere, wer Du als Coach/Therapeut bist. Nämlich bestenfalls ein Begleiter. Nicht
der Ratschläger. Nicht der Erlöser. Nicht der Retter. Die Verantwortung für die eigene Entwicklung bleibt beim Klienten.
Und dann gibt es Klienten, die saugen Deine
Energie auf wie mit einem Staubsauger. Bis Du Dich nach der Sitzung nur noch wie eine leere Hülle fühlst. In diesem Fall hilft es oft, eine energetische Grenze zu setzen. Ein inneres
Stopp-Schild. Ein Schutzmantel. Eine Käseglocke. So bin ich empathisch, aber es kann mir weder jemand meine Energie rauben noch mir seine Probleme in meinen privaten Bereich
"hineinkotzen".
Lass uns also nochmal
genau hinsehen: Wenn Du die Nähe zu Dir selbst verlierst, verlierst Du auch die Fähigkeit, professionelle Grenzen zu setzen. Du wirst zum Retter. Du wirst ausgesaugt. Du brennst
aus.
Aber wenn Du bei Dir
selbst bleibst – wenn Du weiß, wer Du bist, was Deine Grenzen sind, was Du geben kannst und was nicht – dann kannst Du echte, heilsame Arbeit mit Deinen Klienten leisten. Dann bist Du
präsent. Dann bist Du wirksam. Und dann bleibst Du auch gesund. Das ist das Paradoxe: Je besser Du Grenzen setzt, desto besser kannst Du für andere da
sein.
Du siehst: Es braucht oft gar nicht viel, um mit sich
selbst verbunden zu bleiben. Eine innere Vorstellung. Ein kleines Ritual. Die Verbindung mit Deinen Wünschen. Die Idee, dass Grenzen zu setzen notwendig ist, nicht egoistisch. Das sind alles
keine großen Veränderungen. Aber sie sind konkret. Und sie wirken.
Ich möchte Dir gerne die Frage mit auf den Weg
geben: Wo verlierst Du
Dich gerade selbst? Und was ist der erste winzigkleine Schritt, um wieder bei Dir anzukommen? Das ist nicht eine Frage für irgendwann. Das ist eine Frage für jetzt. Für
den Advent. Für heute.
Übrigens: Dieser Blogartikel ist Teil des Blog-Adventskalenders 2025 meiner Kollegin Susanne Heinen. Das zentrale Thema ist "Nähe".
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Petra (Mittwoch, 10 Dezember 2025 18:27)
Danke für diese ausführliche Erinnerung daran, wie wichtig die Nähe zu uns selber ist! Und für die schönen Sätze und Impulse. Liebe Grüße! Petra
Susanne Heinen (Mittwoch, 10 Dezember 2025 21:14)
Liebe Julia,
vielen herzlichen Dank für diesen wertvollen Beitrag zum Adventskalender. Deine Erklärungen und Impulse zum Thema „Nähe“ sind so wichtig, um Grenzen zu setzen und mehr auf sich und seine Bedürfnisse zu achten.
Mir gefällt Dein letzter Satz sehr: „Das ist nicht eine Frage für irgendwann. Das ist eine Frage für jetzt. Für den Advent. Für heute.“
Ich wünsche Dir noch eine schöne Vorweihnachtszeit. ❤️
Alles Liebe
Susanne
Rinah (Donnerstag, 11 Dezember 2025 13:45)
Liebe Julia, dein Artikel vermittelt mir genau das, was ich gerade brauche. Nicht nur die erklärenden und eindrücklichen Worte, sondern auch die Ideen und Impulse zur praktischen Umsetzung empfinde ich SO hilfreich. Vielen, vielen Dank!
Dir eine be-sinnliche Adventszeit,
frohe Grüße, Rinah