· 

Therapeutische Sitzung vorbereiten: Sechs einfache Schritte

Therapeutische Sitzung vorbereiten: so macht Julia Georgi das in sechs einfachen Schritten

 

"Ich mache das spontan. Ich bin ein Bauchmensch. Zu viel Vorbereitung schränkt meine therapeutische Intuition ein." Diese Aussagen unterstütze ich nicht. Für mich gehört es zur Pflicht eines Therapeuten, eine Sitzung vorzubereiten. Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, wo man in der letzten Stunde aufgehört hat, welche Worte benutzt wurden, welche Ideen zur Weiterarbeit es gab. Es ist notwendig, das eigene Vorgehen mit den vereinbarten Zielen abzugleichen. Alles andere ist "Herumpsychologisieren" und verschwendet Geld und Zeit des Klienten. Außerdem ist es wichtig, den Klienten zu spüren. Wahrzunehmen, wo man in der Beziehung zu ihm gerade steht.

 

Will ein Therapeut eine Sitzung vorbereiten, so gibt es bestimmt so viele individuelle Vorgehensweisen wie es Menschen gibt. Manche bereiten alles am Beginn des Arbeitstages vor, andere direkt vor der Sitzung. Wieder andere haben nur ganz wenig Zeit zur Vorbereitung, weil der nächste Klient bereits wartet, wenn die vorherige Sitzung beendet ist. Das ist wohl die schlechteste und stressigste Methode.

 

Bei mir hat sich über die Jahre ein System aus sechs einfachen Schritten bewährt, um eine Sitzung professionell vorbereiten zu können. 

Die Inhalte dieses Blogartikels

Schritt 1: Kopf frei bekommen für den Klienten

Der letzte Klient spukt Dir noch im Kopf herum. Vielleicht hast Du versprochen, eine Audiodatei per Email zu schicken. Oder eine Buchempfehlung weiterzugeben. Vielleicht musst Du noch einen Termin mit einem Klienten vereinbaren. Oder eine Rechnung schreiben. Und dann klingelt auch noch der Hausmeister, weil er in der Praxis den Wasserzähler ablesen möchte. Zu allem Überfluss läutet Dein Telefon - der Kindergarten weist darauf hin, dass der Termin für den Elternabend verschoben wurde. 

 

Tausend Dinge im Kopf - so bist Du definitiv nicht bereit für die nächste Sitzung mit Deinem Klienten. Es heißt erst einmal Abstand gewinnen und Kopf frei bekommen, so dass Du Dich voll und ganz auf die nächste Person mit ihren Sorgen und Nöten einlassen kannst. 

 

Ich notiere mir alle Dinge, die noch zu tun sind. So sind sie aus dem Kopf raus, aber ich kann nichts vergessen. Ich schalte das Handy ab. Klappe den Kalender zu. Und gönne mir ein paar bewusste, tiefe Atemzüge mit geschlossenen Augen. 

Schritt 2: Mit dem Klienten verbinden

Dann hole ich mir die Akte des Klienten her. Lese seinen Namen. Lasse vor meinem inneren Auge das Bild des Menschen entstehen. Wie sieht er aus? Was kommt spontan an Gedanken in meinen Kopf, wenn ich an ihn denke? An welches Hauptthema erinnere ich mich? Fällt mir ein, worum es in der letzten Sitzung ging? Das alles geht in wenigen Minuten. 

 

Aber warum mache ich mir diese Mühe, anstatt gleich nachzulesen? Mir gibt es einen guten Eindruck von der Beziehung, in der ich mit dem Klienten stehe. Es zeigt mir, ob Übertragungen am Werk sind und ich vielleicht eine Supervision benötige. Und es liefert mir Stoff für weitere Arbeit. 

 

Zu kryptisch? Hier zwei Beispiele: 

 

Beispiel 1: Ich stelle fest, dass ich schon beim Namen des Klienten mit den Augen rolle. Ich bin genervt, habe überhaupt keine Lust auf die Sitzung. Warum ist das so? Habe ich einen Klienten angenommen, der nicht zu mir passt? Bin ich von ihm genervt, weil er nicht die Fortschritte macht, die ich auf Grund unserer Arbeit erwarten würde? Oder habe ich keine Lust auf die Person, weil sie mir ein eigenes Verhalten spiegelt? Höchste Zeit für eine Supervision!

 

Beispiel 2: Ich kann mich an einen Klienten nach dem Erstgespräch beim besten Willen nicht erinnern. In der weiteren Vorbereitung stelle ich fest, dass dieses Gefühl, nicht beachtet zu werden und mit den eigenen Bedürfnissen unsichtbar zu sein, genau sein Thema ist. Ich könnte ihm im Sinne von Beziehungsarbeit rückmelden, was passiert ist und wir könnten daran arbeiten, dass er sich zuerst hier in der Therapie, im geschützten Rahmen, sichtbar macht. Wie könnte das gehen, was wäre der erste Schritt?

Schritt 3: Aufzeichnung zur letzten Sitzung durchlesen

Bei durchschnittlich sechs Klienten am Tag kann ich mich natürlich nicht mehr an jede Sitzung im Detail erinnern. Deshalb ist der nächste Schritt, um meine Sitzung vorzubereiten, mir die Aufzeichnungen zur letzten Sitzung durchzulesen. Gegebenenfalls auch noch einmal nachzuschlagen, welche Ziele ich mit der Person vereinbart habe. Ich lese mir durch, was die Themen der Sitzung waren, welche therapeutischen Techniken ich angewandt habe. Welche Worte oder Sätze besonders wichtig waren. Den genauen Wortlaut eines Klienten zu kennen ist sehr von Vorteil, um wieder an die vorherige Arbeit anzuknüpfen. Ich sehe aber auch meine Notizen darüber durch, welches Bauchgefühl ich hatte oder welche weiteren Ideen ich in Betracht gezogen habe. Welche Hausaufgaben gegeben wurden. 

 

Warum kann ich das alles nachlesen? Weil ich über die Jahre ein standardisiertes System zur Dokumentation während der Sitzung entwickelt habe. Mehr Informationen darüber gibt es demnächst.

Schritt 4: Heutige Sitzung planen

Dann stellt sich die Frage: Wie arbeite ich weiter? Was ist der nächste Schritt? Habe ich eine Hausaufgabe gegeben, ist der Anfang der Sitzung bereits vorgegeben. Denn die Aufgabe wird besprochen. Wurde es gemacht - und wenn ja war das einfach oder schwer? Wenn nein - was sind die Gründe dafür? Danach notiere ich mir, welches Thema, welche Technik heute dran wäre, um mit dem Klienten zusammen einen Schritt in Richtung Ziel zu machen. Manchmal hatte ich bereits in der letzten Sitzung eine oder mehrere Ideen dazu. Manchmal entwickelt sich das Vorgehen aus den Notizen heraus. Manchmal folge ich meiner Intuition. Und ganz ehrlich: in einigen Fällen sitze ich wie mit einem gewaltigen Holzscheit vor dem Hirn an meinem Schreibtisch und der Kugelschreiber will einfach kein Thema notieren. 

 

Für diesen Fall habe ich zwei sehr komfortable Lösungsmöglichkeiten.

 

Erstens: Wenn ich mit Hypnose arbeite, frage ich das Unterbewusstsein des Klienten nach dem nächsten Schritt. Dann muss ich lediglich noch eine Auswahl vorgeben, wie man diesen erreichen könnte und lasse das Unbewusste wiederum über Ideomotorik auswählen, welche Methode es bevorzugt. 

 

Zweitens: Ich kontaktiere meinen Hypnose-Therapie-Helfer. Er ist wie der Weise Ratgeber oder der Heiler Teil meines "Inneren Systems". Er ist zuständig dafür, mich in meiner Rolle als Hypnotherapeutin zu unterstützen. Er bringt mich auf Ideen. Weist mir den Weg durch schwierige Prozesse. Hilft mir, Übertragungen zu entdecken. Und unterstützt mich dabei, die richtige Methode für die nächste Sitzung auszuwählen. 

 

Trotz aller Planung kann es natürlich sein, dass ein Klient mit einem aktuellen, schwierigen Problem kommt. Dabei gilt der gute, alte Therapeutensatz: "Störungen haben Vorrang". Lass Dich jedoch nicht zu sehr ablenken vom eigentlichen Thema, besonders dann, wenn der Klient dazu neigt, jedes Mal ein anderes Fass aufzumachen. Da ist häufig ein Widerstand gegen die Entwicklung am Werk, den es zu erkennen und zu bearbeiten gilt. 

Schritt 5: Benötigtes Material bereit legen

Je nachdem um welche Sitzung es sich handelt (Anamnese, Gespräch zur Zielvereinbarung, Verlaufs- Hypnosesitzung etc.) und welche Techniken ich anwende (in meinem Fall meistens Gespräch, Hypnose, Kunsttherapie, Entspannung, Klangmassage, Schreibtherapie, EMDR oder eine Kombination daraus) benötige ich unterschiedliche Unterlagen und Materialien. 

 

Ein paar Beispiele für Unterlagen:

  • Anamnesebogen
  • Aufklärungsvereinbarung
  • Schweigepflichtsentbindung
  • Zielformular
  • Klienten-Info-Blatt
  • EMDR-Dokumentationsbogen

Ein paar Beispiele für Materialien

  • Bücher (zum Beispiel der Gebrüder-Grimm-Band für Märchenarbeit mit Hypnose)
  • Stift, leeres Blatt und Klemmbrett für eine schreibtherapeutische Intervention
  • Kreiden, Zeitschriften, Kleber oder Ton für Kreativarbeit
  • Lagerungsmaterial für Entspannung
  • Ein digitales Diktiergerät, wenn die Sitzung aufgezeichnet werden soll

Schritt 6: Eigenen Bedürfnissen Raum geben

Wenn ich jetzt optimal auf den Menschen eingestellt bin und die Sitzung vorbereitet habe, geht es noch darum, auf meine Bedürfnisse zu schauen. Ich gehe zur Toilette, trinke einen Schluck, spaziere ein paar Schritte auf und ab oder dehne mich, nehme mir ein paar Nasen voll frische Luft. Ich schüttle mein Stuhlkissen frisch auf. Zünde vielleicht eine Kerze an (Gibt es bei mir in der Praxis nicht nur im Winter. Ich mag einfach dieses heimelige Gefühl). So fühle ich mich frisch und es kann los gehen. Jetzt kann der Klient die Praxis betreten und wir beginnen die Sitzung.

 

 

Wie bereitest Du eine Sitzung vor? Hast Du ein Ritual? Ein besonderes Vorgehen? Was hilft Dir? Ich freue mich über Deinen Kommentar. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Mag. Romana Maichin-Puck (Sonntag, 18 Februar 2024 21:41)

    Hallo Julia, vielen Dank für deinen Artikel. Ich bereite mich auch immer vor. Eine kurze Meditation ist mein Einstimmungsritual. Sie hilft mir, mich zu erden, im Hier und Jetzt anzukommen und mich zu verbinden. Dann lese ich mir kurz durch was die Stunde davor los war und verschaffe mir einen Überblick was ansteht. Die Struktur ist mein roter Faden und dann lasse ich mich sehr von den Bedürfnissen meiner Klientinnen, meiner Inspiration und Intuition führen und leiten. So sind die Sessions immer bereichernd für beide Seiten. Liebe Grüße Romana