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Was ist die Wunderfrage und wie benutze ich sie in Coaching und Therapie

Julia Georgi erklärt die Wunderfrage

Die Inhalte dieses Blogartikels

Wunderfrage - Was ist das?

Die Wunderfrage ist ein Werkzeug in Coaching und Therapie, das angewandt wird, um den Fokus des Klienten weg vom Problem und hin auf die Lösung zu richten. Sie beschäftigt sich mit der Frage, was wäre, wenn sich alle Probleme über Nacht wie von Zauberhand auflösen würden. 

 

Diese Lösung ist etwas, was der Klient bereits in sich trägt. Die Technik ermöglicht es, sich damit zu verbinden. Kurz und knapp gesagt ist das Ziel: Raus aus Starre und Ohnmacht, hinein in Selbstwirksamkeit und einen bunten Strauß an (Handlungs-)Möglichkeiten.

 

In der Arbeit mit der Wunderfrage wird fokussiert auf Erleben nach dem VAKOG-Modell (visuelle, auditorische, kinästhetische, olfaktorische, gustatorische Wahrnehmung) und die Emotion, die damit einhergeht, einen Lösungs-Zustand bereits erreicht zu haben. 

Der Ursprung dieser Technik

Die Basis für die Wunderfrage ist die Kristallkugeltechnik von Milton Erickson. In dissoziiertem Zustand sieht man die eigene Zukunft in einer Kristallkugel, kann erleben, wie es dort ist und wie man dorthin gelangen kann.

 

Eine Weiterentwicklung der Kristallkugeltechnik, die auch eine Arbeit außerhalb des hypnotischen Rahmens erlaubt, ist die Wunderfrage. Steve de Shazer und Insoo Kim Berg haben sie in den 1980ern entwickelt.

 

Angewandt wird sie vor allem im Bereich der lösungsorientierten Kurzzeittherapie beziehungsweise im lösungsorientierten Coaching.

Wunderfrage Vorteile: Das Ziel hinter dem Ziel entdecken

Vorteile der Wunderfrage
"Problem talk creates problems, solution talk creates solutions" (Steve de Shazer)

 

Die Technik funktioniert immer dann besonders gut, wenn Klienten keine Lösungsmöglichkeiten für ihr Problem sehen. Wenn der Kopf zu sehr blockiert ist, um kreativ zu sein und Ideen fließen zu lassen. Wenn Klienten nur in alten Denk- und Verhaltensmustern verhaftet sind. Wenn der Zugang zu den eigenen Ressourcen gerade unmöglich erscheint.

 

Durch die Fragetechnik entsteht Klarheit. Der Klient kann sich mit seinen Träumen, Visionen und tiefen Sehnsüchten verbinden. Mit dem, was ihn wirklich glücklich und zufrieden macht. Mit dem, wer er wirklich ist und was er tatsächlich im Leben braucht.

 

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Vorstellung realistisch ist. Zunächst tun wir nur so „als ob“ und regen damit eine unzensierte Ideenentwicklung an.

 

Die Wunderfrage baut aber nicht nur eine Vision auf, sondern ermöglicht es auch, sich auf den Weg dorthin zu machen. Den ersten kleinen Schritt zu gehen. 

Wunderfrage Anleitung: So mache ich das in meiner Praxis

Zunächst leite ich eine leichte Trance ein. Im Anschluss benutze ich folgenden Wortlaut:

 

 „Stell Dir vor es wäre schon heute Abend. Du hättest die Praxis längst verlassen. Du würdest zu Bett gehen und entspannt einschlafen. Was Du noch nicht weißt: in der Tiefe der Nacht, während der Mond am Himmel steht, die Katze durch den Garten schleicht und ringsum sich alle zur Ruhe begeben, passiert ein Wunder. All Deine Probleme, Schwierigkeiten, Blockaden, alles was Dich noch davon abhält, ganz Du zu sein, löst sich wie von Zauberhand in Luft auf.

  •  Du wachst morgens auf und merkst sofort, irgendetwas ist neu, anders. Positiv anders. Woran erkennst Du die Veränderung? (Nach jeder Frage antwortet der Klient laut)
  • Was ist Dein erster Gedanke nach der Nacht mit dem Wunder?
  • Wie sieht Dein Gesicht aus, wenn Du es im Spiegel ansiehst?
  • Was ziehst Du an?
  • Was frühstückst Du?
  • Welcher Mensch, der Dir begegnet, erkennt als Erster die positive Veränderung, die mit Dir vorgegangen ist?
  • Was sagst Du? Welche Worte benutzt Du? Wie klingt Deine Stimme dabei?
  • Was tust Du? Wie verbringst Du Deinen Tag?
  • Wie fühlst Du Dich?
  • Wie reagieren andere Menschen auf Dich? Deine Familie? Freunde und Bekannte? Arbeitskollegen? Fremde?

Es ist ja unbestritten, dass Wunder wirklich existieren. Aber sie haben es an sich, dass man nie genau weiß, wann sie passieren. Jetzt stell Dir mal vor, wenn ich die Hypnose beende und Du in Wirklichkeit abends schlafen gehst: Welches kleine Detail Deiner Vorstellung könnte schon morgen früh tatsächlich wahr sein?“                                   

So könnte eine Weiterarbeit aussehen

In der nächsten Sitzung stelle ich dem Klienten die Frage: „Welches kleine Detail Deiner Vorstellung ist am Tag nach unserem Termin tatsächlich eingetreten?“

 

Und falls da keine Antwort kommt, stelle ich die „Ausnahmefrage“ (nach Steve de Shazer): „Wann in den letzten Tagen/Wochen war es schon ein kleines bisschen so wie Du es Dir in der letzten Sitzung vorgestellt hast?“ Ich lenke also gezielt den Fokus auf das Besondere, das Andere, die Ausnahme vom Problemzustand.

 

Wenn der Klient sich darauf einlassen kann, kommt die nächste Hürde. Nämlich ihm den Gedanken näher zu bringen, dass die Veränderung nicht dem Zufall oder einer glücklichen Fügung attribuiert wird, sondern sich selbst zugeschrieben wird. Ich möchte also wissen: „Und was haben Sie dafür getan, dass das möglich wurde?“

Beispiele aus meiner Praxis

Damit Du Dir ein Bild davon machen kannst, wie vielfältig einsetzbar diese Technik ist, habe ich Dir drei Fallbeispiele aus meiner Hypnose Praxis mitgebracht. 

 

Gabriele, Mitte 50, Buchhalterin, Mama von drei mittlerweile erwachsenen Kindern kam zu mir, weil sie unbedingt ihr Gewicht reduzieren wollte. Ihr Leben lang kämpfte sie mit Übergewicht, war immer schon "moppelig". Nachdem nun auch die jüngste Tochter ausgezogen ist, sollte ein Lebensabschnitt beginnen, indem Gabriele sich mehr um sich selbst und ihren Körper kümmern wollte. Sie wusste, dass sie abnehmen wollte, aber hatte keine Ahnung, wie der Zielzustand konkret aussehen oder sich anfühlen könnte. Denn sie war noch nie dort. Mit Hilfe der Wunderfrage bekam sie zum ersten Mal eine Idee von Wohlfühlen im eigenen Körper, Leichtigkeit und auch Weiblichkeit und Attraktivität. Am meisten überrascht war sie davon, dass sie sich im Rahmen der Wunderfrage-Trance kein bisschen mit Diät, Essen oder Sport beschäftigte, sondern mit Leben, Spüren, Sein. Sie begriff, dass natürlich schlanke Menschen sich nicht damit auseinandersetzen, Kalorien zu zählen oder sich auszumalen, was sie heute noch essen dürfen oder nicht. Der Körper signalisiert was er braucht, der Mensch setzt es um - meist unbewusst, so wie beim Atmen. Diese Sitzung war für Gabriele ein absoluter Gamechanger. Sie reduzierte ihr Gewicht innerhalb eines Jahres um gesunde 15 Kilogramm. 

 

Jonas, Ende 20, Sozialpädagoge, liiert, stellte sich mit einer typischen "Quarterlife Crisis"-Symptomatik vor. Er war total unzufrieden mit seinem beruflichen und privaten Leben, obwohl er nach außen hin alles zu haben schien, was andere sich wünschen. Es entstand der Wunsch nach Veränderung, aber ohne Idee davon, was genau er verändern möchte. In der gemeinsamen Arbeit zeigte sich, dass Jonas einen Teil von sich bisher noch überhaupt nicht lebte: nämlich den Teil, der etwas mit seinen Händen erschafft. Als Sozialpädagoge war er vor allem geistig tätig und auch in seiner Freizeit spielte handwerkliches Tun keine Rolle. Nach der Nacht mit dem Wunder sah er sich in Teilzeit in seinem Beruf arbeiten, allerdings mit Kindern anstatt wie bisher mit Erwachsenen. Und weiterhin sah er sich als freischaffender Künstler beim Erstellen von Tonskulpturen und -gefäßen sowie dabei, Töpferkurse zu geben. Nachdem in drei Folgesitzungen noch ein paar alte Glaubenssätze gehen durften, erfand sich Jonas innerhalb eines halben Jahres neu. Er zog um von Bayern an die Nordsee, weil er sich in einem Urlaub dort in ein reetgedecktes Gutshaus verliebt hatte. Dort wohnt er mit seiner Freundin, arbeitet 25 Stunden in der Jugendhilfe und baut gerade eine Scheune zur Töpferei um. Im Nachhinein berichtet Jonas, dass die entscheidende Frage für ihn diejenige war, wie sein Gesicht aussieht. Denn so hat er sich bis heute vor Augen: die Haare vom Wind zerzaust, rote Wangen, etwas Ton klebt am Hals, gelassen, zufrieden, ausgeglichen. 

 

Und zum Schluss möchte ich Dir noch die berührende Geschichte von Carola, Mitte 30, Bankkauffrau, verheiratet und Mama von zwei Kindern (4 und 6 Jahre) erzählen. Sie wurde während ihrer beruflichen Tätigkeit Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls. Der Täter bedrohte sie und schlug ihr ins Gesicht. Höchst traumatisiert war es ihr nicht möglich, ihren Alltag zu bewältigen. Nach knapp zweijähriger Traumatherapie kam sie zum mir in die Praxis. Die schlimmsten Symptome konnte sie hinter sich lassen: das Gefühl, gelähmt und emotional taub zu sein. Die wiederkehrenden Alpträume. Das ständige Auftauchen der immer wieder gleichen Bilder durch den Kontakt mit Geld. Sie war mit Hilfe von Therapie und Medikation stabil, ging auch wieder ihrer Arbeit nach. Aber was immer noch weg war, wie verloren, war das Gefühl von Freude. Nach behutsamer, vertrauensschaffender, ressourcenorientierter Hypnosearbeit benutzte ich auch bei Carola die Wunderfrage: Was wäre, wenn alle Probleme gelöst wären? Wenn es so wäre, als hätte dieser Überfall nie stattgefunden? Sie sah sich selbst am Ufer eines Sees liegen. Einfach nur liegen. Ganz friedlich und still. Sicher. Verbunden mit sich. Die eigenen Wurzeln wieder spüren. Feststellen, dass sie noch da ist. Lächeln. Nach dieser Sitzung war das Thema natürlich noch nicht endgültig gelöst. Aber Carola wusste nun, wie sie die Freude wieder in ihr Leben einladen konnte, Stück für Stück. Sie begann, am wenige Kilometer entfernten Badesee zu meditieren so oft es ihr möglich war. 

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